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Im 12. Jahrhundert wanderten deutsche
Siedler, dem Ruf eines ungarischen Königs fol-gend, nach Siebenbürgen
aus, ein Gebiet, das damals zu Ungarn gehörte und erst 1918 zu
Rumänien kam. In der um 1200 gegründeten Stadt Agnetheln wurde
im Mittelalter ein heidnischer Brauch, der darin bestand, durch
Lärm und grauslige Masken böse Geister, bzw. den Winter zu vertreiben,
von den handwerklichen Zünften übernommen: Die furchterregenden
Gestalten begleiteten die Übergabe der Zunftlade vom alten zum
neuen Zunftmeister, was am Geschworenenmontag, also am ersten
Montag nach den Heiligen Drei Königen passierte.
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| Die beiden Reifenschwinger
Gitte Henning (Uehlfeld) und Kurt Filp (Heilbronn) (beide
Sieb. Sachsen) |
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| 1689 wurde im Marktflecken
Agnetheln zum 1. Mal der »Mummenschanz der Zünfte« als
Vorgänger unserer Urzeln erwähnt. Zur Herkunft des Namens »Urzeln«
gibt es eine Sage: Als Agnetheln von den Türken belagert wurde,
soll eine beherzte Agnethlerin, Ursula, im zotteligen Gewand mit
einer Kuhglocke ausgerüstet und peitschenknallend aus der Kirchenburg
gestürmt und die Türken damit erschreckt und vertrieben haben. |
| Andererseits lässt der
aus vielen Stoffresten auf weißes Leinen genähte Anzug auch auf
den Namen schließen: Im siebenbürgisch-Sächsischen heißen Reste
(auch Stoffreste) »Urzen«. 1911 beschlossen alle Zünfte
in Agnetheln, eine gemeinsame Parade zu organisieren. Den Umzugshauptmann
sollte immer die stärkste Zunft stellen. Damals war es die Schusterzunft
mit über 200 Meistern. |
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1941
fand die vorläufig letzte Parade statt. Nach dem Krieg blieb dieser
Brauch bis 1969 verboten. Nach vielen Anstrengungen einiger Personen
in höheren Ämtern und Lehrer, die u.a. dafür bürgen mussten, dass
kein Urzel unter der Maske jemanden evtl. verletzt, wurde er wieder
eingeführt. Jedoch war in den ersten Jahren bis einschließlich 1974
eine Ansprache in deutscher Sprache verboten. Ab 1975 bis 1989,
als der letzte Urzellauf in Agnetheln stattfand, war neben der rumänischen
auch die deutsche Ansprache erlaubt. |
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Nach Deutschland aussiedelnde Urzeln
brachten ihre Anzüge mit und beteiligten sich vereinzelt an Faschingsumzügen.
In Sachsenheim, Kreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg, kam es
1971 zur ersten kleinen Urzel-Parade. 1978 wurde die Urzelnzunft
Sachsenheim Gastzunft und 1987 Vollmitglied der Vereinigung Schwäbisch-Allemannischer
Narrenzünfte.
Ab 1994, nachdem die Anzüge der
traditionellen Brauchtumsfiguren der Zünfte und alles Zubehör
von der Agnethler Parade nach Sachsenheim überführt werden durften,
wurde die ganze Parade jährlich und mit steigendem Zulauf der
in ganz Deutschland niederge-lassenen und rund 300 eingetragenen
Urzeln, durchgeführt.
Zum Urzeln-Anzug, auch Häs genannt,
gehört u.a. neben dem Zottelgewand mit der mit Pelz besetzten
bemalten feinmaschigen Drahtmaske und Hanfzopf, die schon erwähnte
Peitsche, eine auf der Hüfte mit Lederriemen befestigte Kuhglocke,
eine Quetsche für die Krapfen und für den Partenführer eine Rätsche.
Die bei der Parade der Sachsenheimer
Urzelnzunft eingebundenen Traditionsfiguren entstammen den wichtigsten
Agnethler Handwerkerzünften: Die Kürschnerzunft stellt die Kürschnerkrone
mit vier Füchsen, die je einen Marder im Maul haben, und den Bär
mit seinem Treiber, die Schneiderzunft das Schneiderrösslein mit
dem Mummerl und die Fassbinder(Böttcher-)zunft die Reifenschwinger.
Der Hauptmann wird von zwei Engeln begleitet. Näheres zur Bekleidung
und Bilder dazu können auf der Homepage der Sach-senheimer Urzelnzunft
eingesehen werden: www.urzelnzunft.de
Im Jahr 2001 organisierten Georg
und Doris Hutter aus Herzogenaurach den ersten Ur-zellauf in Franken:
Als Gruppe des Hauses der Heimat Nürnberg beteiligten sich die
Ur-zeln, verstärkt durch die Siebenbürger Blaskapelle Nürnberg,
die für die Reifenschwinger aufspielte, am Fastnachtszug in Nürnberg.
Ermutigt durch die positive Resonanz bei den Zuschauern, entstanden
bis zum nächsten Jahr 12 neue Urzeln-Anzüge. Als Ersatz für die
Blaskapelle werden die Urzeln in Nürnberg ab 2003 von zwei Musikanten
begleitet, die beim Umzug den Reifenschwingern auf Akkordeons
aufspielen.
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Die beiden jungen
Damen Gitte Henning und Sabine Herberth beherrschen diese Kunst
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Die Urzeln in Franken präsentieren
in Nürnberg wegen Terminüberschneidungen nur eine der Traditionsfiguren,
nämlich die Reifenschwinger. Diese schwingen zu einer traditio-nellen
Melodie Reifen, in denen drei bis neun mit Rotwein gefüllte Gläser
lose stehen, was einige Geschicklichkeit erfordert.
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Beim Umzug
werden die Reifenschwinger von den Urzeln begleitet und geschützt,
wobei geknallt und Lärm gemacht wird (Bild 4, Urzeln beim Umzug). |
Die Fahrt mit der U-Bahn zwischen
dem Haus der Heimat in Langwasser und der Altstadt Nürnberg
wird meist singend verbracht. Ein traditionelles Lied lautet:
"Am Urzeltag die Schelle
klingt,
die Peitsche knallt, der Urzel singt.
Das weiß bei uns ein jedes Kind:
Am Urzeltag, gibt¹s keine Sünd!" .
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Neben dem Peitschenknallen der
Urzeln auf der Straße gehören weitere feste Elemente zur Durchführung
dieses alten Brauches: Die Urzeln haben einen eigenen Gruß:
"Hirräi!" und werden immer wieder versuchen, Zuschauer mit der
Peitsche einzufangen, um mit ihnen ein kleines Tänzchen zu machen.
Damit erweisen sie dieser Person die Ehre. Auch Krapfen, die
keine Marmelade enthalten, werden aus den Quetschen verteilt-
so lange der Vorrat reicht. Es wird nach dem Umzug in Privatquartieren,
in Nürnberg selbstverständlich im Haus der Heimat eingekehrt,
wo die traditionellen Sauerkrautwickel verzehrt werden.
Beim Betreten des Hauses sagt
der Partenführer den Urzelnspruch in Mundart auf:
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"Mer wäntschen Gläck
än desem Haus |
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mer dreiwen mät
Gießeln uch Schällen de Sorj uch den Ärjer aus |
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As Lieder uch Wätz
terf e jeder hiren, |
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und datt mer ich
besäken, beweist, dat mer ich ihren." |
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(Wir wünschen Glück
in diesem Haus, |
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wir treiben mit
Geißeln und Schellen die Sorge und den Ärger aus. |
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Unsere Lieder und
Witze darf ein jeder hören, |
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und dass wir euch
besuchen, beweist, dass wir euch ehren.) |
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Ein weiteres Ritual ist die Taufe
von Urzeln, die das erste Mal mitmachen- natürlich mit der Peitsche
und vor versammelter Runde. Den Jugendlichen unter den Urzeln
macht das Peitschenknallen sowie die Ausübung des Brauchs auch
viel Spaß. Peitschenknallende Damen sind keine Seltenheit mehr.
Hirräi!!!
Die großen Kuhglocken sorgen
für den entsprechenden Lärm beim Laufen...
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Die Verfasserin des Textes,
Doris Hutter
Sprecherin der Urzeln in Franken,
Geschäftsleiterin
im Haus der Heimat
Nürnberg und ehrenamtlich
Kulturreferentin des Verbands
der Siebenbürger Sachsen in Bayern.
11. Januar 2008.
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Dies ist
eine neue Fassung des Beitrages. Den ursprünglichen sehen Sie
wenn Sie hier klicken. (Anm. Red.) |
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