Ihr Nachbar, der im Garten eine laut knallende Peitsche schwingt, könnte am Sonntag vor dem Rosenmontag in Nürnberg Teilnehmer beim traditionellen Fastnachtszug sein, wobei er sich aber hinter einer Maske verbirgt und den Urzeln-Anzug trägt. Am Faschingsdienstag kann man diese lärmenden Peitschenknaller auf dem Marktplatz in Herzogenaurach oder beim Umzug des Gaudi-Wurms in Weisendorf oder aber auch bei Prunksitzungen sehen und hören und... staunen. Denn die Geschicklichkeit, eine 3-4 Meter lange Peitsche zu ohrenbetäubendem Knallen zu bringen, beherrschen sogar schon einige 10-jährige Buben und natürlich auch Mädchen!

Die Leute, die sich hinter den grausligen Urzeln-Masken verbergen, sind Siebenbürger Sachsen, ihre in Deutschland aufgewachsenen Nachkommen oder inzwischen auch deren Freunde, die Spaß an der Ausführung eines Brauchs aus dem Mittelalter haben.

Die Urzeln in Franken
     

Im 12. Jahrhundert wanderten deutsche Siedler, dem Ruf eines ungarischen Königs fol-gend, nach Siebenbürgen aus, ein Gebiet, das damals zu Ungarn gehörte und erst 1918 zu Rumänien kam. In der um 1200 gegründeten Stadt Agnetheln wurde im Mittelalter ein heidnischer Brauch, der darin bestand, durch Lärm und grauslige Masken böse Geister, bzw. den Winter zu vertreiben, von den handwerklichen Zünften übernommen: Die furchterregenden Gestalten begleiteten die Übergabe der Zunftlade vom alten zum neuen Zunftmeister, was am Geschworenenmontag, also am ersten Montag nach den Heiligen Drei Königen passierte.

 
 
Die beiden Reifenschwinger Gitte Henning (Uehlfeld) und Kurt Filp (Heilbronn) (beide Sieb. Sachsen)
     
1689 wurde im Marktflecken Agnetheln zum 1. Mal der »Mummenschanz der Zünfte« als Vorgänger unserer Urzeln erwähnt. Zur Herkunft des Namens »Urzeln« gibt es eine Sage: Als Agnetheln von den Türken belagert wurde, soll eine beherzte Agnethlerin, Ursula, im zotteligen Gewand mit einer Kuhglocke ausgerüstet und peitschenknallend aus der Kirchenburg gestürmt und die Türken damit erschreckt und vertrieben haben.
Andererseits lässt der aus vielen Stoffresten auf weißes Leinen genähte Anzug auch auf den Namen schließen: Im siebenbürgisch-Sächsischen heißen Reste (auch Stoffreste) »Urzen«. 1911 beschlossen alle Zünfte in Agnetheln, eine gemeinsame Parade zu organisieren. Den Umzugshauptmann sollte immer die stärkste Zunft stellen. Damals war es die Schusterzunft mit über 200 Meistern.
  1941 fand die vorläufig letzte Parade statt. Nach dem Krieg blieb dieser Brauch bis 1969 verboten. Nach vielen Anstrengungen einiger Personen in höheren Ämtern und Lehrer, die u.a. dafür bürgen mussten, dass kein Urzel unter der Maske jemanden evtl. verletzt, wurde er wieder eingeführt. Jedoch war in den ersten Jahren bis einschließlich 1974 eine Ansprache in deutscher Sprache verboten. Ab 1975 bis 1989, als der letzte Urzellauf in Agnetheln stattfand, war neben der rumänischen auch die deutsche Ansprache erlaubt.
     

Nach Deutschland aussiedelnde Urzeln brachten ihre Anzüge mit und beteiligten sich vereinzelt an Faschingsumzügen. In Sachsenheim, Kreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg, kam es 1971 zur ersten kleinen Urzel-Parade. 1978 wurde die Urzelnzunft Sachsenheim Gastzunft und 1987 Vollmitglied der Vereinigung Schwäbisch-Allemannischer Narrenzünfte.

Ab 1994, nachdem die Anzüge der traditionellen Brauchtumsfiguren der Zünfte und alles Zubehör von der Agnethler Parade nach Sachsenheim überführt werden durften, wurde die ganze Parade jährlich und mit steigendem Zulauf der in ganz Deutschland niederge-lassenen und rund 300 eingetragenen Urzeln, durchgeführt.

Zum Urzeln-Anzug, auch Häs genannt, gehört u.a. neben dem Zottelgewand mit der mit Pelz besetzten bemalten feinmaschigen Drahtmaske und Hanfzopf, die schon erwähnte Peitsche, eine auf der Hüfte mit Lederriemen befestigte Kuhglocke, eine Quetsche für die Krapfen und für den Partenführer eine Rätsche.

Die bei der Parade der Sachsenheimer Urzelnzunft eingebundenen Traditionsfiguren entstammen den wichtigsten Agnethler Handwerkerzünften: Die Kürschnerzunft stellt die Kürschnerkrone mit vier Füchsen, die je einen Marder im Maul haben, und den Bär mit seinem Treiber, die Schneiderzunft das Schneiderrösslein mit dem Mummerl und die Fassbinder(Böttcher-)zunft die Reifenschwinger. Der Hauptmann wird von zwei Engeln begleitet. Näheres zur Bekleidung und Bilder dazu können auf der Homepage der Sach-senheimer Urzelnzunft eingesehen werden: www.urzelnzunft.de

Im Jahr 2001 organisierten Georg und Doris Hutter aus Herzogenaurach den ersten Ur-zellauf in Franken: Als Gruppe des Hauses der Heimat Nürnberg beteiligten sich die Ur-zeln, verstärkt durch die Siebenbürger Blaskapelle Nürnberg, die für die Reifenschwinger aufspielte, am Fastnachtszug in Nürnberg. Ermutigt durch die positive Resonanz bei den Zuschauern, entstanden bis zum nächsten Jahr 12 neue Urzeln-Anzüge. Als Ersatz für die Blaskapelle werden die Urzeln in Nürnberg ab 2003 von zwei Musikanten begleitet, die beim Umzug den Reifenschwingern auf Akkordeons aufspielen.

 

Die beiden jungen Damen Gitte Henning und Sabine Herberth beherrschen diese Kunst

 

Die Urzeln in Franken präsentieren in Nürnberg wegen Terminüberschneidungen nur eine der Traditionsfiguren, nämlich die Reifenschwinger. Diese schwingen zu einer traditio-nellen Melodie Reifen, in denen drei bis neun mit Rotwein gefüllte Gläser lose stehen, was einige Geschicklichkeit erfordert.

  Beim Umzug werden die Reifenschwinger von den Urzeln begleitet und geschützt, wobei geknallt und Lärm gemacht wird (Bild 4, Urzeln beim Umzug).

Die Fahrt mit der U-Bahn zwischen dem Haus der Heimat in Langwasser und der Altstadt Nürnberg wird meist singend verbracht. Ein traditionelles Lied lautet:

"Am Urzeltag die Schelle klingt,
die Peitsche knallt, der Urzel singt.
Das weiß bei uns ein jedes Kind:
Am Urzeltag, gibt¹s keine Sünd!" .

Neben dem Peitschenknallen der Urzeln auf der Straße gehören weitere feste Elemente zur Durchführung dieses alten Brauches: Die Urzeln haben einen eigenen Gruß: "Hirräi!" und werden immer wieder versuchen, Zuschauer mit der Peitsche einzufangen, um mit ihnen ein kleines Tänzchen zu machen. Damit erweisen sie dieser Person die Ehre. Auch Krapfen, die keine Marmelade enthalten, werden aus den Quetschen verteilt- so lange der Vorrat reicht. Es wird nach dem Umzug in Privatquartieren, in Nürnberg selbstverständlich im Haus der Heimat eingekehrt, wo die traditionellen Sauerkrautwickel verzehrt werden.

Beim Betreten des Hauses sagt der Partenführer den Urzelnspruch in Mundart auf:

  "Mer wäntschen Gläck än desem Haus
  mer dreiwen mät Gießeln uch Schällen de Sorj uch den Ärjer aus
  As Lieder uch Wätz terf e jeder hiren,
  und datt mer ich besäken, beweist, dat mer ich ihren."
   
  (Wir wünschen Glück in diesem Haus,
  wir treiben mit Geißeln und Schellen die Sorge und den Ärger aus.
  Unsere Lieder und Witze darf ein jeder hören,
  und dass wir euch besuchen, beweist, dass wir euch ehren.)
     
 

Ein weiteres Ritual ist die Taufe von Urzeln, die das erste Mal mitmachen- natürlich mit der Peitsche und vor versammelter Runde. Den Jugendlichen unter den Urzeln macht das Peitschenknallen sowie die Ausübung des Brauchs auch viel Spaß. Peitschenknallende Damen sind keine Seltenheit mehr. Hirräi!!!

Die großen Kuhglocken sorgen für den entsprechenden Lärm beim Laufen...

     

Die Verfasserin des Textes,
Doris Hutter
Sprecherin der Urzeln in Franken,
Geschäftsleiterin im Haus der Heimat
Nürnberg und ehrenamtlich
Kulturreferentin des Verbands
der Siebenbürger Sachsen in Bayern.

11. Januar 2008.

 
     
  Dies ist eine neue Fassung des Beitrages. Den ursprünglichen sehen Sie wenn Sie hier klicken. (Anm. Red.)